John Rock oder der Teufel – ein kulinarischer Wildwest-Schundroman | Hörbuch

Zu Olims Zeiten, im Jahre des Herrn 2003 – Julia Child und Martha Stewart haben ihre Löffel längst an den Nagel gehängt, overseas aber blubbert es noch beständig in und neben den Töpfen – wünscht die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung einen frischen neuen Artikel für die Serie „Promis am Herd“, später in „Mein Leibgericht“ umbenannt, in der Promis über ihr Lieblingsgericht anekdozieren sollen. Da Günter Grass nicht zur rechten Zeit mit seiner Zwiebel fertig wird, wendet man sich an Harry Rowohlt und bittet ihn darum, „eines seiner in Hamburg-Eppendorf weltberühmten Rezepte zu verraten“.

John Rock oder der Teufel - Hörbuch Cover
John Rock oder der Teufel – Hörbuch Cover

  • John Rock oder der Teufel
  • Ungekürztes Hörbuch
  • Sprecher: Harry Rowohlt
  • Autor: Harry Rowohlt
  • Musik: Dieter Faber & Daniel Bongard
  • Spieldauer: 23 Min.
  • Erscheinungsdatum: 26.05.2016
  • Sprache: Deutsch
  • Verlag: Kein & Aber Records
  • ISBN: 978-3036912592

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Kurzerhand faxt Rowohlt die Kochanleitung für „Schlichtglibber Shaolin“ in die Redaktion. Weil die heikle Komposition unter dem skurrilen Titel der F.A.S. zu dürftig ist – es würden da noch ein paar Anekdoten fehlen und mit einem Rezept allein lasse sich keine ganze Seite füllen – bittet man Seine Exzellenz um etwas „Literarisches“. Und so erscheint in am 23. November seine Kurzgeschichte mit dem Titel „Nie gibt der Teufel den Löffel ab“, es ist der zweite und auch letzte Artikel der neuen Serie.

John Rock oder der Teufel

Rowohlts kulinarisches Wildwest-Abenteuer dagegen überlebt die Promi-Plapper-Reihe, gehört bald zum festen Repertoire seiner Schaubesäufnisse, wird später unter neuem Titel als Buch aufgelegt und schließlich vom Meister höchstpersönlich als Hörbuch eingesprochen – womit die sagenumwobene Geschichte des einzigen Wildwest-Kochrezepts ohne Bohnen erzählt ist: John Rock oder der Teufel.

Inhaltsangabe oder so

Nun, da ich die Frage, worum es in Rowohlts Schundroman eigentlich geht, geschickt mit ein paar Anekdoten zur Entstehungsgeschichte umschifft habe, kann ich ja auch die Antwort noch ein wenig hinauszögern, zum Beispiel, in dem ich ihr ein schönes Zitat voranstelle. Ein sehr schönes Zitat übrigens, ein wahres und kluges Zitat von einem Mann, der solche Zitate sehr geschätzt hat, und zwar so sehr, dass viele davon selbst geschrieben hat. Ich könnte bei der Gelegenheit noch weiter über jenen berühmten Mann plaudern, aber da ich ahne, wie die ersten Schatten der Ungeduld über deine Stirn huschen, lieber Leser, will ich dich nicht länger auf die Folter spannen:

„Was ist in der Kunst das Höchste? Das, was auch in allen anderen Manifestationen des Lebens das Höchste ist: die selbstbewußte Freiheit des Geistes. […] Ja, dieses Selbstbewußtsein der Freiheit offenbart sich ganz besonders durch die Behandlung, durch die Form, in keinem Falle durch den Stoff […].“

Sy. Freudhold Riesenharf

Um Riesenharfs berühmtes Credo der Kunst zu illustrieren, spielt der Stoff in diesem Rowohltschen Schundroman nur eine untergeordnete Rolle und die Handlung ist schnell erzählt: Revolverheld John Rock (alias Wayne Hudson) sitzt in einer von Feinden umzingelten Blockhütte fest. Von der Hügelkuppe feuern die Enfield-Drilinge Kugelsalven Richtung Hütte ab und eine Horde Apachen lässt die ersten Brandpfeile auf das Reetdach niederprasseln. Der ideale Moment also, um ein neues Kochrezept auszuprobieren. John Rock muss jetzt nur noch die verflixte geheime Zutat finden, bevor er sich mit seiner getreuen ’32er Winchester Spezial den Belagerern widmen kann.

Kulinarischer Wildwest-Schundroman

Die Stoffe, aus denen Rowohlt seinen kulinarischen Wildwest-Schundroman webt, könnten also kunstferner kaum sein. Aus nichts als einem Kochrezept und den Requsitien eines infantilen Genres, mit der anarchischen Lust am Absurden und dem Repertoire des erfahren, sprach-verliebten Übersetzers, dem kein Begriff, keine Wendung, keine Wortfigur und kein Tropus fremd zu sein scheint, führt Rowohlt ein artistisches Kabinettstückchen auf, dessen einziger Anspruch die Einhaltung der Form ist, das Beharren seiner Künstlernatur auf Stil und Symmetrie – selbst die kleinste Albernheit sorgsam ausarbeitend.

Keine Kostprobe gefällig?

„Winnies Antwort sollte nicht lange auf sich warten lassen. Heiser verspie sie jäh Verderben und Tod, kaum daß John Rock Zeit zum Nachladen fand. Den Vorteil des Überraschungsmoments nutzend, bald hinter einem Ginsterschößling, bald hinter einer Felsnase, bald in einer unerwartet aufspritzenden Erdfontäne Schutz und Versteck findend, walzte John Rock ungesehen und zu spät gehört hügelan. Schopfsengend nah füünschte ein apatschischer Brandpfeil über ihm hügelab blockhüttzu, erleichtert fast loderte prompt die mürbe Baulichkeit auf.

Précis ridicule, ja. Und dennoch ist John Rock keine Persiflage auf verquaste Poseurliteraten ;-), sondern in erster Linie das zweckfreie Spiel eines exzentrischen Sprachartisten.

Schlichtglibber Shaolin

Das Beste kommt bekanntlich zum Schluss, und deshalb kommt jetzt für alle, die sich tapfer durch diese überlange Rezension gequält haben, endlich Harry Rowohlts berühmtes Kochrezept Schlichtglibber Shaolin.

Schlichtglibber Shaolin - aus der El Paso Sun & Bugle ausgerissenes Kochrezept
Schlichtglibber Shaolin – aus der El Paso Sun & Bugle ausgerissenes Kochrezept

Empfehlen möchte ich dieses schmackhafte Gericht vor allem denjenigen, die sich über den Preis für ein Hörbuch beschwert haben bzw. sich zu beschweren im Begriff sind, das gerade mal 23 Minuten lang ist. Allen anderen sei ein Wort der Warnung mit auf den Weg gegeben: Bevor du dich an jenes fatale Gericht wagst, Abenteurer, bedenke das Ende der Geschichte!
„Sterne“, murmelte er sinnlos, „Millionen und Abermillionen von Sternen.“ Dann wurde es schwarz.

John Rock oder der Teufel

John Rock oder der Teufel
10,0
von 10
Gesamt
  • Western

    Wertung: 100%
  • Schund

    Wertung: 100%
  • Pièce de résistance

    Wertung: 100%
  • Soundeffekte

    Wertung: 100%
  • Cover

    Wertung: 100%

Pro

  • Enthält alle Ingredienzien eines guten kulinarischen Wildwest-Schundromans: den Westernhelden (ein Cowboy), die Gaunerbande (mit dem dämlichen Namen), eine Staffage Apachen (als Staffage), eine blinkende Wichester 32 (Problemlöser*in) und natürlich die Kochanleitung (mit streng geheimer Zutat).
  • Schönes Rezept, um die Zeugen Jehovas an kalten Wintertagen auch mal reinzulassen.

Contra

  • Keine Ahnung, welcher Hohlkopf hier ein Contra hingeschrieben hat.

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