Die ewigen Toten von Simon Beckett | Hörbuch Rezension

Simon Beckett entführt den Hörer diesmal nicht an die entlegensten Orte Englands, sondern lässt seinen Protagonisten in der Metropole London agieren. Seiner Vorliebe für abgeschiedene und einsame Schauplätze bleibt er dagegen treu.

Die ewigen Toten ist ein Thriller des britischen Schriftstellers Simon Beckett, der am 12. Februar 2019 veröffentlicht wurde. Das Hörbuch erschien am gleichen Tag zunächst exklusiv bei Audible*. Als Sprecher konnte wieder der ausgezeichnete Johannes Steck gewonnen werden.
Hörprobe 4:07 Min.
Die ewigen Toten von Simon Beckett - Cover Hörbuch
Die ewigen Toten, Hörbuchcover, Quelle: Argon Verlag
Die ewigen Toten - Hörbuch
AutorSimon Beckett
OriginaltitelThe Scent of Death
Laufzeit791 Min (13 Std. und 11 Min. )
SprecherJohannes Steck
VerlagArgon Verlag
ISBN978-3839816677
Erscheinungsdatum12. Februar 2019
ÜbersetzungSabine Längsfeld und Karen Witthuhn
ReiheDavid Hunter Reihe
Teil6
Verfügbar bei:

Nach «Die Chemie des Todes», «Kalte Asche», «Leichenblässe», «Verwesung» und «Totenfang» folgt mit «Die ewigen Toten» nun also der lang erwartete sechste Teil der David Hunter Reihe um den forensischen Anthropologen Dr. David Hunter.

Die ewigen Toten (David Hunter Reihe Teil 6)

1½ Jahre nach Totenfang

Die ewigen Toten spielt etwa eineinhalb Jahre nach Hunters fünftem Fall in den unwirtlichen Backwaters (Totenfang, 2017). Damals begann das finale Whodunit mit einer Bootstour zu den Maunsell Forts (den verlassenen Plattformen vor der englischen Ostküste, die während des Zweiten Weltkrieges vom britischen Militär verwendet wurden) und endete hochgradig spannend und bestürzend tragisch.

Die ganze Maunsell Forts Szenerie war großartig und stimmungsvoll: ein abgelegenes, unzugängliches Marschland in Essex, den Gezeiten nahezu schutzlos ausgeliefert, vor dessen Küste finstere Militäranlagen emporragen. Dazu drei Personen auf einem kleinen Motorboot, die auf ein Unwetter zusteuern, ohne zu wissen, was sie erwartet und ob der Mörder möglicherweise mit ihnen fährt.

Beckett ist ein Liebhaber der Suspence abgelegener Orte!

Und auch wenn Beckett den Hörer bzw. Leser diesmal nicht an die entlegensten Orte Englands entführt, sondern seine Geschichte in der Metropole London spielt, bleibt er seiner Vorliebe für abgeschiedene und einsame Schauplätze treu.

Die Kulisse: ein verlassenes Krankenhaus

in einem verweisten Viertel in London

Blakenheath ist der Name des fiktiven Stadtteils im Norden Londons – eines heruntergekommenen Viertels voller verrammelter Häuser und menschenleerer Straßen – in dem sich das seit Jahren stillgelegete Krankenhauses St. Jude befindet.

Die ewigen Toten - Simon Beckett Die ewigen Toten – Schauplatz ein verlassenes Krankenhaus im Norden Londons

The Scent of Death (Originaltitel)

Der englische Originaltitel The Scent of Death (deutsch Der Duft des Todes) ist, soweit ich gesehen habe, sogar noch später gestartet, am Dienstag, den 21. Februar 2019. Der Grund dafür liegt vermutlich darin, dass Beckett seit seinem Dauerbestseller “Die Chemie des Todes” in Deutschland besonders erfolgreich ist. Offenbar so erfolgreich, dass sich deutsche Leser in der privilegierten Position befinden, Becketts neuen Roman als erste in die Hände zu bekommen – oder auf die Ohren.

Warum allerdings der Titel The Scent of Death in Die ewigen Toten geändert werden musste, erschließt sich mir nicht. Immerhin bleibt man sich damit auf Verlagsseite treu, denn bis auf Die Chemie des Todes wurden alle englischen Titel der Reihe durch einen nicht wortgetreuen (und auch nicht immer sinnvollen) deutschen Titel ersetzt.

Die ewigen Toten – Inhalt ohne Spoiler

Es ist Sommer in London und für David Hunter scheint sich, nach dem Fall in den Backwaters, alles gut zu entwickeln. Seine Beziehung mit Rachel verläuft glücklich und er arbeitet wieder als forensischer Anthropologe und Berater bei polizeilichen Ermittlungen.

Eines Tages erhält er den Anruf von DCI Sharon Ward, die ihm mitteilt, dass man eine Leiche gefunden habe und Hunter darum bittet, sich das Ganze anzusehen.

Fundort der Leiche ist ein altes, längst stillgelegten Krankenhaus in Blakenheath im Norden Londons. Das St. Jude Hospital (benannt nach dem heiligen Judas Thaddäus, Schutzpatron der Hoffnung und ausweglosen Situationen) besteht nur noch aus trostlosen Überresten, die nichts mehr vor sich haben haben außer der finalen Abrissbirne.

Die einzigen Gestalten, die sich in diese Ruine noch verirren, sind Fledermäusen, Drogenabhängige und Dealer.

Auf dem Dachboden des alten Gemäuers liegt eine teilweise mumifizierte Leiche, eingewickelt in eine Plastikhülle. Selbst David Hunter kann zunächst nicht bestimmen, wie lange sie dort bereits liegt. Klar ist nur, dass es sehr lange gewesen sein muss, dass es sich um die Leiche einer jungen Frau handelt und, dass sie schwanger war.

Als bei dem Versuch, die Tote zu bergen, der Dachboden einbricht, entdeckt die Polizei ein verstecktes Krankenzimmer, das nicht auf den Bauplänen verzeichnet ist und dessen Eingang offenbar zugemauert wurde. In diesem schauerlichen Zimmer stehen nach wie vor Krankenbetten. Und diese Betten sind noch belegt..

Fazit – Die ewigen Toten

Nach den beiden schwächeren Vorgängern Totenfang und vor allem Verwesung, hatte ich gehofft, dass Simon Beckett mit Die ewigen Toten wieder zu alter Stärke zurückfinden würde. Leider hat der 6te Teil diese Hoffnung nicht erfüllt.

Routiniert

Um nicht falsch verstanden zu werden: Die ewigen Toten ist kein schlechtes oder abgrundtief langweiliges Hörbuch, aber es ist letztlich auch nicht mehr als ein routiniert gemachter Dutzendthriller, der leider zu sehr darauf setzt, dass seine Hörer (oder Leser) seit der Chemie des Todes eine gewisse Sympathie für David Hunter hegen.

So wie man eben auch alle Sherlock Holmes Fälle liest, einfach weil es Sherlock Holmes ist – obwohl nicht alle Geschichten gut sind.

Nach einem sehr gelungenen ersten Drittel kommen noch einige gute Stellen, viel Leerlauf und dann ein überkonstruiertes Ende. Einige Handlungsfäden, wie zum Beispiel der des versoffenen Abrissunternehmers Aiden Jessop halte ich für vollkommen überflüssig, andere wiederum verlaufen einfach im Sand und dienen bestenfalls der Vorbereitung der finalen Twists.

Weitschweifig

Natürlich kommen die meisten Krimiautoren nicht unbedingt aus der feinen literarischen Abteilung, aber das stört micht nicht, darauf kann ich mich einlassen. Und Beckett gelingen in diesem Roman ja auch einige gute und spannende Stellen. Eine seiner Stärken ist z.B. die Charakterzeichnung, wie ich finde. Immer wenn Becketts Figuren miteinander interagieren und sich zwischen verschieden Personen langsam eine Dynamik entwickelt, dann gelingt es Beckett Spannung aufzubauen. An solchen Stellen haben seine Geschichten ihre besten Momente.

Leider klappt das diesmal nicht mehr besonders gut und Beckett verzettelt sich in allerlei Einzelheiten von Nebenschauplätzen, deren Sinn im Zusammenhang mit der Mordermittlung kaum auszumachen ist.

Natürlich kann ein Autor so viele Fäden spinnen, wie er will, wenn er es kann – aber bei Beckett hatte ich nicht zum ersten Mal den Verdacht, dass er hier lediglich Zeilen schinden will. Denn wäre Beckett nach dem ersten Drittel gleich zum Finale übergegangen, hätte der Hörer dabei nichts verpasst.

Und wäre Die ewigen Toten um vier Stunden kürzer und die Geschichte stärker verdichtet, hätte mir der Thriller weitaus besser gefallen – für soviel Leerlauf ohne Ziel ist mir meine Zeit eigentlich zu schade.

Mir ist dieser Punkt nochmal sehr deutlich geworden, als ich kurz darauf Kindertotenlied von Bernard Minier gehört habe – ein 18 Stunden langes Höruch (auch von Johannes Steck gelesen) mit dutzenden Nebenschauplätzen, und an keiner Stelle kommt Langeweile auf. Da kann Beckett einfach nicht mithalten.

Antipode Mears

Um mein Fazit aber nicht negativ enden zu lassen, was unangemessen und auch unfair wäre, will ich mit einem Lob abbschließen: Gut gefallen hat mir dieses Mal, dass die Forensik wieder eine größere Rolle gespielt hat und dass David Hunter mit dem arroganten Mears ein starker Widerpart gegenübergestellt wird. Das Aufeinandertreffen der beiden hochbegabten, aber sonst vollkommen verschiedenen Anthropologen (bzw. Anthropologe und Taphonom) gehört zu den besseren Momenten dieser Geschichte – auch wenn ich finde, das man aus dieser Idee viel mehr hätte machen können.

…Moriarty…*hatschi*

Der Sprecher Johannes Steck

Sehr schön ist, dass die Reihe mit dem ausgezeichneten Johannes Steck als Sprecher fortgesetzt werden konnte. Etwas, dass bei anderen Reihen wie z.B bei der Rizzoli & Isles-Reihe von Tess Gerritsen leider nicht so gut funktioniert.

Warum Steck für mich eine nahezu perfekte Thrillerstimme besitzt, habe ich ja schon bei meiner Rezension zu Die Chemie des Todes ausgeführt, weshalb ich ich mich hier etwas kürzer fassen will, um Wiederholungen zu vermeiden. Kurzum: Steck liest wieder ganz hervorragend: Dialoge, Tempo, Sprechpausen und Modulation sind erstklassig.

Zwei Dinge sind mir aufgefallen, die Johannes Steck dieses Mal gändert hat. Erstens sagt er das jeweilige Kapitel zu Beginn an, was den Überblick ernorm erleichtert, wenn man das Hörbuch nicht über Alexa* steuert. Und zweitens sind die Figuren stimmlich unterscheidbarer als in den vorherigen Hörbücher. Das mag natürlich auch daran liegen, dass in Die ewigen Toten mehr Figuren auftreten als in den anderen Romanen.

Hörbuch Die ewigen Toten von Simon Beckett

Hörbuch Die ewigen Toten von Simon Beckett
7,8
Gesamtwertung
  • Sprecher
    95%
  • Geschichte
    70%
  • Spannung
    75%
  • Stil
    70%
  • Charaktere
    80%

Pro

  • Charakterzeichnug wieder glaubhaft
  • Forensik steht wieder mehr im Vordergrund
  • Auf ähnlichem Niveau wie die beiden Vorgänger

Contra

  • Zu viele Nebengeschichten, oft zähflüssiger Handlungsfortgang
  • Stark überkonstruiertes Ende
  • Das Hörbuch ist mit mehr als 13 Stunden einfach zu lang – so entstehen viele unterbrochene Spannungsbögen
  • Reicht nicht an den ersten Fall heran
  • Gewinnt dem Charakter David Hunter kaum neue Aspekte ab

2 Gedanken zu „Die ewigen Toten von Simon Beckett | Hörbuch Rezension“

  1. der 6 Teil von David Hunters Geschichte ist wirklich wieder sehr gelungen. Die story baut sich schnell auf wie üblich und schlägt dann wie ein Hase haken. Man kommt von einem Highlight zum nächsten nicht nur der Fall ansich wird behandelt auch sein Privatleben und seine Vergangenheit kommen diesmal wieder sehr in den Vordergrund was ich sehr gut finde. DAs Buch ist wirklich ab der ersten seite spannend bis zum Schluss nämlich wirklich bis zur letzten Seite des Epilogs . ES sticht auf jedenfall wieder aus der Buchreihe hervor wie ich persönlich finde da die letzten beiden Bücher (Totenfang und auch Verwesung) nicht ganz so perfekt waren die die restlichen der Reihe bin ich seeeehr froh das dieses wieder nahtlos an die ersten drei anknüpfen kann. Richtiger Lesespaß mit Gänsehautmomenten und hohen Spannungsfaktor

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