Aristoteles – Auszüge Poetik

Aristoteles, Poetik
Nun zum dritten Unterscheidungsmerkmal dieser Künste: zur Art und Weise, in der man alle
Gegenstände nachahmen kann. Denn es ist möglich, mit Hilfe derselben Mittel dieselben Gegenstände
nachzuahmen, hierbei jedoch entweder zu berichten – in der Rolle eines anderen, wie Homer dichtet,
oder so, daß man unwandelbar als derselbe spricht oder alle Figuren als handelnde und in Tätigkeit
befindliche auftreten zu lassen. Die Nachahmung überhaupt läßt also, wie wir zu Anfang sagten, nach
diesen drei Gesichtspunkten Unterschiede erkennen: nach den Mitteln, nach den Gegenständen und
der Art und Weise. Daher ist Sophokles in der einen Hinsicht ein Nachahmer von derselben Art wie
Homer (denn beide ahmen gute Menschen nach), in der anderen Hinsicht wie Aristophanes (denn
beide ahmen Handelnde und sich Betätigende nach). Daher werden, wie einige meinen, ihre Werke
,Dramen., genannt: sie ahmen ja sich Betätigende (drontes, von dran) nach.
Die Tragödie ist Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter
Größe, in anziehend geformter Sprache, wobei diese formenden Mittel in den einzelnen Abschnitten je
verschieden angewandt werden Nachahmung von Handelnden und nicht durch Bericht, die ]ammer
und Schaudern hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen
bewirkt.
Nachdem wir diese Dinge bestimmt haben, wollen wir nunmehr darlegen, welche Beschaffenheit die
Zusammenfügung der Geschehnisse haben muß, da diese ja der erste und wichtigste Teil der
Tragödie ist. Wir haben festgestellt, daß die Tragödie die Nachahmung einer in sich geschlossenen
und ganzen Handlung ist, die eine bestimmte Größe hat; es gibt ja auch etwas Ganzes ohne
nennenswerte Größe. Ein Ganzes ist, was Anfang, Mitte und Ende hat. Ein Anfang ist, was selbst nicht
mit Notwendigkeit auf etwas anderes folgt, nach dem jedoch natürlicherweise etwas anderes eintritt
oder entsteht. Ein Ende ist umgekehrt, was selbst natürlicherweise auf etwas anderes folgt, und zwar
notwendigerweise oder in der Regel, während nach ihm nichts anderes mehr eintritt. Eine Mitte ist,
was sowohl selbst auf etwas anderes folgt als auch etwas anderes nach sich zieht. Demzufolge dürfen
Handlungen, wenn sie gut zusammengefügt sein sollen, nicht an beliebiger Stelle einsetzen noch an
beliebiger Stelle enden, sondern sie müssen sich an die genannten Grundsätze halten. Ferner ist das
Schöne bei einem Lebewesen und bei jedem Gegenstand, der aus etwas zusammengesetzt ist, nicht
nur dadurch bedingt, daß die Teile in bestimmter Weise angeordnet sind; es muß vielmehr auch eine
bestimmte Größe haben. Das Schöne beruht nämlich auf der Größe und der Anordnung. Deshalb
kann weder ein ganz kleines Lebewesen schön sein (die Anschauung verwirrt sich nämlich, wenn ihr
Gegenstand einer nicht mehr wahrnehmbaren Größe nahekommt) noch ein ganz großes (die
Anschauung kommt nämlich nicht auf einmal zustande, vielmehr entweicht den Anschauenden die
Einheit und die Ganzheit aus der Anschauung, wie wenn ein Lebewesen eine Größe von zehntausend
Stadien hätte). Demzufolge müssen, wie bei Gegenständen und Lebewesen eine bestimmte Cröße
erforderlich ist und diese übersichtlich sein soll, so auch die Handlungen eine bestimmte Ausdehnung
haben, und zwar eine Ausdehnung, die sich dem Gedächtnis leicht einprägt. Die Begrenzung der
Ausdehnung ist nicht Sache der Kunst, soweit sie auf die Aufführungen und den äußeren Eindruck
Rücksicht nimmt. Wenn nämlich hundert Tragödien miteinander in Wettkampf treten müßten, dann
würde deren Ausdehnung gewiß nach der Uhr bemessen. Für die Begrenzung, die der Natur der
Sache folgt, gilt, daß eine Handlung, was ihre Größe betrifft, desto schöner ist, je größer sie ist,
vorausgesetzt, daß sie faßlich bleibt. Um eine allgemeine Regel aufzustellen: die Größe, die
erforderlich ist, mit Hilfe der nach der Wahrscheinlichkeit oder der Notwendigkeit aufeinander
folgenden Ereignisse einen Umschlag vom Unglück ins Glück oder vom Glück ins Unglück
herbeizuführen, diese Größe hat die richtige Begrenzung
Demnach muß, wie in den anderen nachahmenden Künsten die Einheit der Nachahmung auf der
Einheit des Gegenstandes beruht, auch die Fabel, da sie Nachahmung von Handlung ist, die
Nachahmung einer einzigen, und zwar einer ganzen Handlung sein. Ferner müssen die Teile der
Geschehnisse so zusammengefügt sein, daß sich das Ganze verändert und durcheinander gerät, wenn
irgendein Teil umgestellt oder weggenommen wird. Denn was ohne sichtbare Folgen vorhanden sein
oder fehlen kann, ist gar nicht ein Teil des Ganzen.
Aus dem Gesagten ergibt sich auch, daß es nicht Aufgabe des Dichters ist mitzuteilen, was wirklich
geschehen ist, sondern vielmehr, was geschehen könnte, d. h. das nach den Regeln der
Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit Mögliche. Denn der Geschichtsschreiber und der Dichter
unterscheiden sich nicht dadurch voneinander, daß sich der eine in Versen und der andere in Prosa
mitteilt – man könnte ja auch das Werk Herodots in Verse kleiden, und es wäre in Versen um nichts
weniger ein Geschichtswerk als ohne Verse -; sie unterscheiden sich vielmehr dadurctU daß der eine
das wirklich Geschehene mitteilt, der andere, was geschehen könnte. Daher ist Dichtung etwas
Philosophischeres und Ernsthafteres als Geschichtsschreibung; denn die Dichtung teilt mehr das
Allgemeine, die Geschichtsschreibung hingegen das Besondere mit. Das Allgemeine besteht darin,
daß ein Mensch von bestimmter Beschaffenheit nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit
bestimmte Dinge sagt oder tut – eben hierauf zielt die Dichtung, obwohl sie den Personen Eigennamen
gibt.
Was man beim Zusammenfügen der Fabeln erstreben und was man dabei vermeiden muß und was
der Tragödie zu ihrer Wirkung verhilft, das soll nunmehr, im Anschluß an das bisher Gesagte,
dargetan werden. Da nun die Zusammensetzung einer möglichst guten Tragödie nicht einfach,
sondern kompliziert sein und da sie hierbei Schaudererregendes und ]ammervolles nachahmen soll
(dies ist ja die Eigentümlichkeit dieser Art von Nachahmung), ist folgendes klar: 1. Man darf nicht
zeigen, wie makellose Männer einen Umschlag vom Glück ins Unglück erleben; dies ist nämlich
weder schaudererregend noch jammervoll, sondern abscheulich. 2. Man darf auch nicht zeigen, wie
Schufte einen lJmschlag vom Unglück ins Glück erleben; dies ist nämlich die untragischste aller
Möglichkeiten, weil sie keine der erforderlichen Qualitäten hat, sie ist weder menschenfreundlich
noch jammervoll noch schaudererregend. 3. Andererseits darf man auch nicht zeigen, wie der ganz
Schlechte einen Umschlag vom Glück ins Unglück erlebt. Eine solche Zusammenfügung enthielte
zwar Menschenfreundlichkeit, aber weder Jammer noch Schaudern. Denn das eine stellt sich bei dem
ein, der sein Unglück nicht verdient, das andere bei dem, der dem Zuschauer ähnelt, der Jammer bei
dem unverdient Leidenden, der Schauder bei dem Ahnlichen. Daher ist dieses Geschehen weder
jammervoll noch schaudererregend. So bleibt der Held übrig, der zwischen den genannten
Möglichkeiten steht. Dies ist bei jemandem der Fall, der nicht trotz seiner sittlichen Größe und seines
hervorragenden Gerechtigkeitsstrebens, aber auch nicht wegen seiner Schlechtigkeit und Gemeinheit
einen Umschlag ins Unglück erlebt, sondern wegen eines Fehlers – bei einem von denen, die großes
Ansehen und Glück genießen, wie Ödipus und Thyestes und andere hervorragende Männer aus
derartigen Geschlechtern. Die gute Fabel muß also eher einfach sein als – wie es einige wollen –
zwiefach, und sie darf nicht vom Unglück ins Glück, sondern sie muß vielmehr vom Glück ins
Unglück umschlagen, nicht wegen der Gemeinheit, sondern wegen eines großen Fehlers entweder
eines Mannes, wie er genannt wurde, oder eines besseren oder schlechteren’ Ein Beweis dafür ist, was
eingetreten ist.
Nun kann das Schauderhafte und Jammervolle durch die Inszenierung, es kann aber auch durch die
Zusammenfügung der Geschehnisse selbst bedingt sein, was das Bessere ist und den besseren Dichter
zeigt. Denn die Handlung muß so zusammengefügt sein, daß jemand, der nur hört und nicht auch
sieht, wie die Geschehnisse sich vollziehen, bei den Vorfällen Schaudern und jammer empfindet. So
ergeht es jemandem, der die Geschichte von Ödipus hört. Diese Wirkungen durch die Inszenierung
herbeizuführen, liegt eher außerhalb der Kunst und ist eine Frage des Aufwandes. Und wer gar mit
Hilfe der Inszenierung nicht das Schauderhafte, sondern nur noch das Grauenvolle herbeizuführen
sucht, der entfernt sich gänzlich von der Tragödie.
jede Tragödie besteht aus Verknüpfung und Lösung. Die verknüpfung umfaßt gewöhnlich die
Vorgeschichte und einen Teil der Bühnenhandlung, die Lösung den Rest. Unter Verknüpfung
verstehe ich den Abschnitt vom Anfang bis zu dem Teil, der der Wende ins Glück oder ins Unglück
unmittelbar vorausgeht, unter Lösung den Abschnitt vom Anfang der Wende bis hin zum Schluß’